Für manche überraschend, für andere eher weniger, aber ich bin tatsächlich jetzt fast genau ein halbes Jahr weg und habe damit die Hälfte meines Aufenthalts erreicht, plötzlich kommt es mir vor als hätte ich kaum noch Zeit hier.
Anlässlich dieses kleinen Meilensteins, stand für mich und meine Mitfreiwilligen Anfang Februar unser Zwischenseminar an. Warum das? Mit dem weltwärts-Projekt und der Teilfinanzierung durch den BMZ kommen einige Verpflichtungen, darunter auch, dass wir Freiwilligen insgesamt 21 Seminartage verpflichtend belegen müssen. Diese sind auf Vorbereitungs-, Zwischen- und Nachbereitungsseminar aufgeteilt, vorbei nur das Zwischenseminar im Ausland stattfindet.

Unser Zwischenseminar wurde von Kassi, unserer ehemaligen und ersten Freiwilligen, geleitet. Mit ihr sind wir nach Chingalire gefahren, einem kleinen Dorf in der Nähe von Lilongwe, welches uns von unserer Nordpartnerin Silvia Hesse empfohlen wurde. Nochmal als kleiner Reminder, der Nordpartner ist eine kleinere deutsche Organisation, welche näheres Wissen zu dem jeweiligen Ausreiseland und dem Projekt mitbringt. Silvia war selber schon mehrmals in Malawi und hat viele Kontakte hier, so sind wir auch zu Chingalire als Seminarort gekommen, da Silvia den Chief des Dorfes (so eine Art Bürgermeister) kennt. Das Dorf ist Dank den zahlreichen Ideen von Chief Ben mittlerweile leicht touristisch angehaucht, so standen bei uns einige der im Dorf angebotenen Kulturprogramme auf dem Plan, darunter traditionelle Tänze und Musik, sowie ein Erdnussbutterworkshop.

Die Tänze waren wirklich beeindruckend, ich fand es erstaunlich mit welcher Präzision und Geschwindigkeit sich die Tänzerinnen und Tänzer bewegen konnten. Als wir ein paar der Schritte selbst probieren durften, wurde mir erst klar, wie viel Ausdauer und Übung in jedem einzelnen Tanz stecken musste. Ben hat uns auch erzählt, dass die Tänze von Älteren vermittelt und gelehrt werden, da nicht mehr besonders viele Menschen die originalen Tänze kennen. Die Initiative hilft aber nicht nur bei der Aufrechterhaltung von Kulturgut, sondern zum Teil auch bei der Bildung der Tänzer, da sie für jede Performance Geld bekommen, welches sie dann teilweise nutzen, um ihre Schulbeiträge zu zahlen. Zusätzlich wurde uns noch ein Spiel gezeigt, welches früher zwischen zwei Dörfern gespielt wurde. Dabei musste man mit Kreiseln die Maiskolben des gegnerischen Teams um kegeln. Nach einer kurzen Präsentation, durften wir es auch probieren, nach ein/zwei Versuchen hatte ich schnell den Dreh raus und wir gewannen sogar das Match, wobei ich die starke Vermutung hege, dass unsere Gegner uns gewinnen ließen.

Ein paar Tage später durften wir in die Küche, um uns zeigen zu lassen, wie man traditionell Erdnussbutter herstellt. Mit Schürze und Haarhaube ausgestattet, wurden zuerst Erdnüsse in einer Pfanne mit gleichmäßigen schwungvollen Bewegungen geröstet, was Joseph unser Koch deutlich professioneller als ich machte. Die Schale der Erdnuss wurde dabei teilweise schon fast schwarz, was aber notwendig war, damit das Innere eine gold-braune Farbe bekommt. Nach kurzem Abkühlen wurden die Nüsse mit etwas Salz in einen länglichen Holzbehälter getan. Jetzt fing die Arbeit erst richtig an, denn mit einem langen Holzstab haben wir nun die Erdnüsse zerstampft und uns durch einen Song, der von Erdnüssen und Erdnussbutter handelte, selbst motiviert. Durch das ständige zerdrücken, stießen die Erdnüsse irgendwann Öl aus, was die krümmelige Masse zu Erdnussbutter werden ließ. Anschließend wurde uns außerdem gezeigt, wie man Erdnussmehl herstellt, welches letztenendes ebenfalls zerstampfte Erdnüsse sind, die vorher aber nicht geröstet wurden. Damit das Mehl fein wird, wurde eine längliche Korb Schale verwendet, dort wird das Mehl drauf gegeben. Um nun den feinen Staub von den noch groben Stücken zu befreien wird die Schale mehr oder weniger in einem Winkel geschüttelt, sodass die schweren großen Teile nach unten wandern und das feine Mehl oben zurück bleibt. Hört sich simpel und einfach an, ist aber wirklich eine Kunst, glaubt mir, ich habe es probiert.

An unserem letzten Abend durften wir uns noch die Performance eines Musikers anhören, welcher laut Chief Ben einer der besten traditionellen Künstler ist und das hat was zu heißen, da der Chief, bevor er zum Chief wurde, selber Musiker war.
Kennt ihr diese Leute, bei denen man einfach sieht und fühlt, dass sie sich für den richtigen Beruf entschieden haben? Dieser Musiker war so eine Person. Bei jedem einzelnen Lied hast du die Emotionen und seine Leidenschaft für Musik gesehen. Das hat das Ganze nochmal besonderer gemacht.

Aber nun zum Seminar, effektiv hatten wir 4 ganze Seminartage inklusive der eben ausgeführten Programm Punkte. Anders als das Vorbereitungsseminar war dieses Seminar mit weniger „Inhalt“ gefüllt. Was meine ich damit? Im Vorbereitungsseminar gab es sehr viel Input mit vielen verschiedenen Informationen, die man verarbeiten musste. Es ging um interkulturelle Kommunikation, Kolonialismus, Rassismus, unser Ausreiseland und und und. Hingegen war dieses Seminar mehr dafür ausgelegt, die zurück liegende Zeit zu reflektieren, nochmal über Probleme oder kulturelle Unterschiede zu sprechen, auf die kommende Zeit zu blicken und Ressourcen zu sammeln für das restliche halbe Jahr.
Am ersten Seminartag haben wir wirklich nochmal alles Revue passieren lassen, von unserer Landung,  über unsere Unterkunft, bis zur Arbeit und haben anschließend eine Emotionskurve des Jahres gezeichnet. Sowohl Dezember, als auch Januar waren für mich nicht gerade Glanzmonate und auch während der anderen sechs Monate ging es mir nicht immer besonders gut, trotzdem hat mir die Kurve und das Erinnern an die Zeit bewusst gemacht, dass trotz einigen Tiefs meine Zeit hier positiv einzuordnen ist und nicht (wie ich vorher dachte) neutral.
Welche Einheit mir auch im Kopf geblieben ist, war die kollegiale Beratung. Hier bringt man vor allen Teilnehmenden ein Problem oder eine Situation vor, welche dann mit einer vorher ausgesuchten Methode analysiert und diskutiert wird. Ich fand es irgendwie einfach schön, wie alle eine Lösung für das selbe Problem gesucht haben und dabei teilweise sehr verschiedene Ansätze und Sichtweisen zum Vorschein kamen.
Zu der Reflexion der letzten Monate gehörte auch der innere Kompass und der Ressourcenbaum. Beides Elemente bzw. kurze Übungen um über Dinge nachzudenken, die man schon erreicht hat, Stärken, die man beibehalten und Ziele, die man erreichen möchte.

Der zweite Teil des Seminars war dann darauf ausgelegt, auf die restliche Zeit zu schauen, wobei sich dieser Teil stark nach einem mentalen Arschtritt angefühlt hat. Mir wurde bewusst, was ich alles noch machen möchte, was ich verändern bzw. woran ich arbeiten sollte und dass mir für all das garnicht mal mehr so viel Zeit bleibt. Hört sich vielleicht lächerlich an, schließlich hab ich noch 6 Monate, aber die Zeit verfliegt immer schneller, je länger ich hier bin (tendenziell zumindest) und sich die Zwischenergebnisse bewusst zu machen und wie nah diese liegen, lässt sich alles sehr kurz anfühlen. Beispielsweise war das Easter Theater Festival immer Monate entfernt und nun ist es in knapp 5 Wochen. Bis Anna abreist, sind es kaum noch 2 Monate. Es ist schon fast gruselig so darüber nach zu denken, da sich immer alles sehr weit weg angefühlt hat und nun plötzlich einfach zu nah.
Die emotional mitnehmenste Einheit war für mich aber, als wir uns mental in die letzten 14, 7, 3 sowie den letzten Tag hineinversetzen sollten. Wir haben da zusammen als 5 Freiwillige drüber gesprochen, so als würden wir das alle zusammen erleben, bis mir aufgefallen ist, dass das letztenendes nicht der Fall sein wird, da Anna und Edda planmäßig früher abreisen und somit nur Elsa, Johannes und ich unsere letzten 14 Tage zur selben Zeit erleben werden. Und das war irgendwie anders schmerzhaft festzustellen, weil mir die WG mit ihrer Dynamik und ihren Menschen ans Herz gewachsen sind. In harten Zeiten (und die letzten Tage werden wahrscheinlich hart) waren bzw. sind das die Menschen, an die ich mich am meisten anlehnen kann, denn bei aller Unterstützung von Freunden oder Familie aus Deutschland, kann kaum einer wirklich nachvollziehen, wie es ist, hier zu sein. Es ist ein sehr einzigartiges Sicherheitsnetz und der Gedanke, darauf am Ende nur begrenzt Zugriff zu haben, ist hart.
Aber auch sich generell seine eigene Abreise bewusst zu machen, ist ein emotionales Chaos, da ich mich ja schon darauf freuen werde nach Deutschland, zu meiner Familie, zurück zu kommen, ich aber gleichzeitig auch einfach einen Teil meines Lebens hier zurück lasse und Menschen von denen ich nicht weiß, ob ich sie nochmal wieder sehe. Es kann niemals wieder so sein, wie jetzt und das ist bei meiner Ausreise aus Deutschland einfach anders gewesen.
Letztenendes war das ganze Seminar wie ein Wachrütteln, ich möchte meine restliche Zeit hier auf jeden Fall effektiv nutzen und bin deshalb dabei ein paar Dinge nochmal zu planen bzw. zu durchdenken. Ich glaub dafür war das Seminar auch da.

2 Kommentare

  1. Liebe Larissa, es ist so schön zu lesen wie viel Du erlebt und über Dich und andere gelernt hast. Und natürlich, dass Du Pläne hast. Ich bin jetzt schon neugierig auf Deinen nächsten Bericht. LG Tina

  2. Liebe Larissa,
    hab vielen Dank für Deine wunderbaren Beiträge. Sie sind so interessant geschrieben, dass man das Gefühl hat, bei dem ein oder anderen Erlebnis dabei gewesen zu sein. Dein letzter Beitrag war besonders schön. Das mit der Erdnussbutter können wir ja auch mal zusammen machen, wenn Du wieder da bist.😉. Aber auch, dass Du uns an Deinen Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt, ist ganz toll. Ihr werdet in der restlichen Zeit bestimmt noch viele, schöne gemeinsame Momente haben. Genieße das Jahr, die Erfahrungen und Erlebnisse werden Dich immer begleiten. Ich freue mich auf Deinen nächsten Beitrag und drücke Dich ganz fest aus der Ferne.
    Liebe Grüße
    Kerstin

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